Tag 4 - 30. August 2026 - Am Rhein

Nochmal zum Camping gestern. Naturcamping. Ja schon mit Lage und so. Aber null Zivilisation. Kein Wasser, kein Strom, kein WiFi. Deswegen halten hier die großen autarken Wohnmobile. Es geht 300m zu einem Häuschen mit Dusche und Klo. Gekostet hat es 26 Franken mit Quittung. Und dann muss jeder noch 5 Franken bar zahlen für irgendwas und ich obendrauf 3 Franken für 3 Akkus. Am Ende ist der Schweizer auch nur Italiener.

Ich weiß nie, wo ich herkomme und wohin ich will. Und das fragt man mich. Das ist das kanonische Standardthema, wenn ich hier Bevölkerungsteilnehmer treffe. Also bei gutem Wetter. Bei schlechtem Wetter ist es das Wetter.

Beim Wetter kann ich mitreden. Aber ansonsten Fehlanzeige. Um guten Willen zu simulieren, habe ich für heute recherchiert: ich komme vom Klöntal, und bin dann am Walensee entlang, ein bisserl am Rhein entlang und nach Landquart. Endstation Camping. Niemand kennt Landquart. Ich glaube das große Ganze heißt Graubünden. Ich fahre eine Woche ostwärts in der Schweiz und dann eine Woche zurück. Reicht da so?

Das mit dem Rhein, das muss ich noch mal schauen. Der Rhein? Unser Rhein? Wenig Wasser hat er.

Die Route: https://www.komoot.com/de-de/tour/3013753075

Tag 5 - 31. August 2026 – Flüelenpass

Es gibt sie hier auch, die Grantler. Da schreit er mich an, dass ich hier nicht fahren soll. Das fand ich eine selbstbewusste These, da in direkter Sichtweise das Fahrradweg Symbol zu sehen war. Da habe ich wohl vergeblich versucht, mir das Lachen zu verkneifen und habe ihn halt gefragt. Ja also, ich wäre jetzt nicht zu schnell gefahren, aber den ganzen Tag rasen sie alle hier auf den Rädern. Und ich würde hier schließlich auf seinen Schweizer Straßen fahren. Und das macht ihn so wütend. So hat er es mir erzählt, der Schweizer Wutbürger.

Einmal im Urlaub passiert es, dass sich irgendeine klebrige Flüssigkeit in einer Gepäcktasche breit macht. Das Shampoo war es meistens, heute ist es ein Glas Pesto. Es dauert ewig, das ganze Geraffel abzuwischen, im Gebirgsbach zu spülen oder in einer Mülltüte zu entsorgen. Eine feine Ölspur bleibt.

Und dann bricht mir noch ein Zeltgestänge. Ich dachte, diese Phase meines Lebens hätte ich hinter mir. Eine Reparaturhülse habe ich mit. Nur halt nicht noch einmal brechen .

Es geht steil eine stark befahrene Straße hoch nach Davos. Das kennt ihr, ich jetzt auch. Die Hubschrauber kreisen, die Porsches paradieren, und die Architektur nennt sich Skyline. Hier versammelt sich die andere Seite der Schweiz, die kapitalistische neoimperialistische Gesinnung industriell militärischer Prägung. Ich werde zum Wutkonrad.

Nicht so wichtig, aber schon komisch: Bin auf dem Camping Cul angekommen und ich frage nach Strom für die Akkus. Nein, auf den Wiesen gibt es keinen Strom. In der Waschküche links zur Tür raus, da gibt es eine Steckdose. Ist aber unbewacht. Dann suche ich und taste die Wand ab. Nix. Und will zurück zur Rezeption und sehe eine E-Bike Ladestation. Direkt daneben. Nicht links zur Tür raus, sondern rechts. Und später finde ich dasselbe auf der Zeltwiese noch einmal.

Die Tour auf Komoot: https://www.komoot.com/de-de/tour/3231646948

Tag 6 - 1. September 2026 – Engadin

Engadin heißt hier die Gegend. Für die wo's interessiert. Die sich mehr für Geographie interessieren als für Nusstorten.

Kalt war es heute Morgen. 5 Grad und stahlblauer Himmel. Alle Schichten übereinander. Die Finger spüre ich bald nicht mehr. Eigentlich ganz praktisch.

Die Schweiz ist ja der Hotspot des Diminutivs. Bänkli, Brötli, Islamistli. Was mich interessiert: Ist das bei den anderen drei Sprachen der Schweiz auch alles so niedlich?

Gestern hat mich ein Weltenbummler auf Franzenglisch angesprochen. Jetzt war das auch ein Schweizer, der in den größten Teilen seines Landes die Sprache nicht versteht. Vielleicht ist dies das Geheimnis der Schweizer Friedfertigkeit und Neutralität. Man versteht sich nicht, und beugt so Missverständnissen vor.

Ich soll euch von Barbara grüßen, auf deren Bänkchen ich gerade sitze und von Karl, dem Labrador.

Ich sitze auf Barbaras Bank und daddle auf dem Smartphone. Da kommt ein älteres Pärchen vorbei. Gut situiert. Da sagt sie mit einem Lächeln: die Jugend immer mit dem Handy! Da habe ich mir nicht anders zu helfen gewußt, als zu sagen: ich schreibe gerade einen Brief an meine Mutter. Da ist dann plötzlich für die beiden Senioren die Welt wieder eine bessere gewesen. Sweet lies.

Und noch eine Beobachtung: die Damen, die junger Mann zu mir sagen, werden immer älter.

Morgen kommt eine Strecke, die ich schon mal gefahren bin. Meine erste E-Bike Tour von Heidelberg nach Verona. Da gab es auch die Fahrt vom Val Müstair nach Livigno. Und wenn mich in den letzten 9 Jahren eine Tour beeindruckt hat, dann diese. Das Sahnehäubchen auf dem Filet. Schauen wir mal, wie viel Verklärung sich da angesammelt hat

Die Route: https://www.komoot.com/de-de/tour/3008938699